Die letzte Runde

Deutschlands Kneipen und Gasthäuser sterben. Hohe Preise sind nur ein Grund. Mit ihnen verschwindet eine Kultur der Geselligkeit, die einmal selbstverständlich war.

Wer heute in Deutschland essen geht, merkt schon beim Blick auf die Speisekarte, warum  die Plätze im Restaurant dünner besetzt sind als noch vor ein paar Jahren. Ein Hauptgericht kostet inzwischen grob ein Drittel mehr als vor Corona. Auch das Bier ist teurer geworden. Auf dem Oktoberfest, das ein gut dokumentierter Langzeitindikator ist, kostete die Maß 2019 im Durchschnitt etwa 11,80 Euro; 2025 waren es rund 15,80 Euro.

Man kann das deutsche Gasthaussterben deshalb zunächst als nüchterne Rechnung betrachten. Energie und Lebensmittel wurden teurer, die Fachkräfte knapper, hinzu kamen Mieten, Auflagen und Bürokratie. Während der Pandemie blieben die Gäste ganz aus, danach kamen viele seltener zurück. Heute liegt der reale Umsatz der Gastronomie noch immer 15 Prozent unter dem Niveau von 2019.

Deutsche Gasthäuser haben immer weniger Gäste und ihre Zahl nimmt ab – KI-generierte Illustration

Das Gasthaussterben ist auch ein Abgesang auf eine gemütliche, sinnenfrohe, lustbetonte deutsche Kultur, die es nicht mehr gibt, oder nur noch in einzelnen Enklaven. 2019 gab es in Deutschland noch 28.808 umsatzsteuerpflichtige Schankwirtschaften und Kneipen. 2024 waren es 21.822. Fast jede vierte war binnen fünf Jahren verschwunden. Bei den klassischen Gasthöfen fiel die Zahl von 11.410 auf 8.464.

Das ist dramatisch, aber Geld allein erklärt nicht, was hier geschieht.

Denn wenn nur die Preise das Problem wären, hätten wir nur eine gastronomische Krise. Tatsächlich erleben wir daneben eine kulturelle.

Es verschwindet nicht bloß ein Geschäftsmodell. Es verschwindet eine bestimmte Art, miteinander zu leben. Die deutsche Kneipe und das deutsche Gasthaus waren Ausdruck einer bestimmten Form von Gemeinschaft. Man ging auf ein Bier, in Hessen auf einen Schoppen, in Schwaben auch auf eine Weinschorle.

Man ging nicht in die Wirtschaft, weil dort etwas Besonderes geboten wurde. Es gab kein Event und kein Erlebnisprogramm. Man ging hin, weil man wusste, dass andere auch da sein würden. Menschen die man kannte: die Nachbarn, Gemeindemitglieder, Mitspieler im örtlichen Fußballclub. Sonntags, nach der Kirche oder einfach gegen zehn oder elf ging man ins Gasthaus. Am Stammtisch saßen oft dieselben Leute auf denselben Plätzen. Man redete über das Fußballspiel, die Gemeinderatssitzung, den Nachbarn, die Arbeit, den Verein und darüber, wer bauen wollte. Man sah auch, dass der Huber Erwin schon wieder so schweigsam und niedergeschlagen aussah und erzählte es zuhause der Frau, die erzählte es ihrer Freundin und die rief bei Huber Erwins Frau an, was mit dem Erwin los sei. Gegen Mittag ging man nach Hause zum Essen.

Das Gasthaussterben ist ein Abgesang auf eine gemütliche, sinnenfrohe, lustbetonte deutsche Kultur, die es kaum noch gibt

Der Frühschoppen war keine Veranstaltung. Gerade das war sein Geheimnis.

Niemand musste ihn organisieren. Niemand verschickte Einladungen. Niemand brauchte dreihundert whatsapp Nachrichten, um das Treffen zu organisieren. Man wusste einfach: Am Sonntagvormittag sind Leute da.

Heute ist diese Selbstverständlichkeit weitgehend verschwunden. Die Zahlen sind eindeutig. Nur noch etwa jeder vierte Deutsche geht wenigstens einmal im Monat in eine Kneipe. Einen Stammtisch besucht regelmäßig nur noch eine kleine Minderheit.

Der Frühschoppen ist nicht vollständig ausgestorben. Es gibt ihn noch, besonders in Vereinen, bei Festen und in einigen traditionellen Wirtschaften. Aber er ist vom selbstverständlichen Bestandteil des Sonntagslebens zu etwas geworden, das eigens angekündigt werden muss.

Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Tradition und Folklore. Eine lebendige Tradition braucht keine Werbung. Die Menschen tun es einfach.

Auch die Runde Bier oder Weinschorle gehörte zu dieser Welt. „Die geht auf mich.“ Beim nächsten Mal war ein anderer dran. Solche scheinbar belanglosen Rituale drückten Gegenseitigkeit aus: Heute gebe ich dir etwas, morgen gibst du mir etwas. Niemand führt darüber Buch. Gemeinschaft bestand aus solchen Kleinigkeiten.

Das Bemerkenswerte an der alten Kneipe war außerdem, dass man sich die Menschen dort nicht vollständig aussuchen konnte. Da saß der Handwerker neben dem Lehrer, der Unternehmer neben dem Arbeiter, der CDU-Wähler neben dem Sozialdemokraten und derjenige, der von Politik nichts wissen wollte, neben beiden.

Man musste einander nicht mögen. Aber man musste miteinander auskommen. Heute können wir unsere sozialen Welten sehr viel genauer zusammenstellen. Online finden wir Menschen, die unsere Interessen, unseren Geschmack und häufig unsere Ansichten teilen. Was uns nicht gefällt, können wir wegklicken oder blockieren.

Den Mann am Nebentisch konnte man nicht blockieren und vielleicht lag gerade darin der Wert des Nebentisches.

Fröhliches Beisammensein in einer Berliner Shisha Bar – KI-generierte Illustration

Interessanterweise ist das Bedürfnis nach solchen Orten keineswegs verschwunden.

Wer durch bestimmte Viertel Berlins oder auch durch Saarbrücken geht, sieht, wie erfolgreich eine andere Form des Treffpunkts sein kann: die Shisha-Bar. Für viele jüngere Menschen erfüllt sie Funktionen, die früher die Eckkneipe erfüllte. Man trifft Freunde, redet, schaut Fußball und verbringt mehrere Stunden miteinander.

Eine vom Bundesgesundheitsministerium veröffentlichte Untersuchung zum Shisha-Konsum bestätigt das eindrucksvoll: Das dominierende Motiv für den Besuch ist sozialer Natur. Nahezu alle Befragten gingen dorthin, um Freunde zu treffen und sich zu unterhalten.

Das ist bemerkenswert. Denn offenbar ist nicht das menschliche Bedürfnis nach dem „dritten Ort“ zwischen Wohnung und Arbeitsplatz verschwunden. Vielmehr verliert diese Gewohnheit in Teilen der alteingesessenen deutschen Alltagskultur ihre traditionellen Orte, während andere Milieus, die eine weniger radikalindividualistische Kultur haben, neue Formen dafür gefunden haben.

Das Entscheidende an der Shisha-Bar ist kulturell betrachtet nicht die Wasserpfeife. So wie das Entscheidende an der alten Wirtschaft nie das Bier war. Das Entscheidende sind die anderen Menschen.

Deutschland steht damit nicht allein. Ausgerechnet in Italien, wo die Bar einmal zur nationalen Alltagskultur gehörte, geschieht etwas Ähnliches. Die italienische Bar ist Café, Frühstücksort und Treffpunkt zugleich. Man geht hinein, bestellt am Tresen einen Espresso, tauscht ein paar Worte aus und geht wieder. Es ist vielleicht eine der kleinsten denkbaren Formen gesellschaftlicher Teilhabe.

Doch auch diese Institution gerät unter Druck. Der italienische Gastronomieverband FIPE meldete 2024, dass innerhalb von zehn Jahren 16.160 italienische Bars verschwunden seien. Auch dort verschwindet also nicht einfach eine Möglichkeit, Kaffee zu kaufen. Einen Espresso bekommt man weiterhin. Es verschwindet ein Ort, an dem man ihn gemeinsam mit anderen trank.

Der amerikanisch-britische Philosoph und Theologe Carl Trueman hat über die englische Variante desselben Verlustes geschrieben. Über das England seiner Jugend sagt er einen schlichten Satz: „The England I knew is gone.“ Das England, das ich kannte, ist verschwunden. Trueman macht diese Veränderung unter anderem am englischen Pub fest. Früher ging man dort auf ein Pint, aber nicht einfach hin, um zu trinken. Man ging hin, um mit anderen zusammen zu sein. Man kaufte reihum die Getränke, redete und verbrachte Zeit miteinander.

Der englische Pub, die italienische Bar und unser deutsches Gasthaus sind verschiedene Institutionen. Aber sie erfüllten eine ähnliche Funktion: Sie machten aus Menschen, die zufällig am selben Ort wohnen, etwas, das einer Gemeinschaft ähnelt.

Der englische Pub, die italienische Bar und unser deutsches Gasthaus sind verschieden, erfüllten aber eine ähnliche Funktion: Sie machten aus Menschen, die zufällig am selben Ort wohnen, so etwas wie eine Gemeinschaft

Deshalb reicht es nicht, das deutsche Kneipensterben mit Energiepreisen, Mehrwertsteuer und Personalkosten zu erklären. Diese Faktoren sind real und für den einzelnen Wirt oft entscheidend. Aber sie erklären nicht, warum der Stammtisch schon vorher kleiner wurde. Sie erklären nicht, warum der Frühschoppen verschwand.

Wir haben unsere Lebensweise verändert.

Menschen wohnen an einem Ort und arbeiten an einem anderen. Sie kaufen im Gewerbegebiet oder im Internet ein. Vereine kämpfen um Nachwuchs. Die Bankfiliale ist weg, die Post ist weg, der Metzger ist weg, der kleine Laden ist weg.

Und irgendwann ist auch der „Adler“ weg. Oder der „Ochsen“. Oder der „Löwen“.

Jeder einzelne Schritt lässt sich vernünftig erklären. Der Supermarkt ist billiger. Onlinebestellungen sind bequemer. Pendeln eröffnet bessere berufliche Möglichkeiten. Ein Abend zu Hause kostet weniger als ein Abend in der Wirtschaft. Aus lauter vernünftigen Einzelentscheidungen entsteht am Ende trotzdem etwas, das niemand beschlossen hat: ein ärmeres gemeinschaftliches Leben.

Natürlich sollte man die Vergangenheit nicht romantisieren. Auch die alte Kneipe war kein Paradies. Es wurde zu viel geraucht und manchmal zu viel getrunken. Nicht jeder fühlte sich am Stammtisch willkommen. Und nicht jedes Gespräch über den VfB Stuttgart war ein Beitrag zur abendländischen Geistesgeschichte.

Aber diese Orte erfüllten eine Funktion, die wir erst bemerken, seit sie verschwinden. Sie brachten uns in die Gegenwart anderer Menschen. Es geht deshalb nicht darum, die Vergangenheit zu verklären. Es geht darum, dass wir Orte verlieren, an denen Gemeinschaft nicht organisiert werden musste.

Man brauchte keine Anmeldung, keine WhatsApp-Gruppe, keine App und keinen Termin. Man öffnete eine Tür, setzte sich hin und war unter Leuten. Vielleicht saß dort jemand, den man seit dreißig Jahren kannte. Vielleicht kam jemand herein, den man seit der Schulzeit nicht gesehen hatte. Vielleicht stritt man sich über Politik. Vielleicht erzählte der Wirt dieselbe Geschichte zum hundertsten Mal.

Kneipen sind ein Ort der Gemeinschaft und der Lebenskultur – KI-generierte Illustration

Es war nichts Besonderes. Und genau darin lag das Besondere. Wenn heute ein altes Gasthaus schließt, verschwindet deshalb mehr als ein gastronomischer Betrieb. Es verschwindet ein Stück gesellschaftlicher Infrastruktur.

Trueman sagt über seine Heimat: „The England I knew is gone.“ Wer sonntagvormittags durch manche deutschen Dörfer geht, am geschlossenen Gasthaus vorbeikommt und durch die Fenster auf den leeren Stammtisch schaut, versteht vielleicht, was er meint.

Das Deutschland, das wir kannten, ist nicht verschwunden. Aber einer seiner alltäglichsten Orte verschwindet gerade vor unseren Augen. Und wenn dort irgendwann die letzte Runde ausgeschenkt wird, verlieren wir weit mehr als nur einen Ort, an dem man ein Bier trinken konnte oder, in Schwaben, eine Weinschorle.

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